Ein Tag in den Schweizer Alpen...

 

 

Am 29.08.2015 ist es dann soweit. Mit recht gemischten Gefühlen stehe  ich um kurz nach 6 Uhr morgens  am  Start bereit. Die Reise in die Schweiz am Vortag war strapaziös. Wer also auch eine lange Anfahrt von über 800 km vor sich hat, der sollte unbedingt schon vorher 1-2 Tage Aufenthalt einplanen, um wirklich ausgeruht an den Start gehen zu können. Diesen Aspekt hatte ich vorher einfach nicht genug überdacht. Auf jeden Fall war die Zeit zwischen der Ankunft in Meiringen und dem Start in den frühen Morgenstunden viel zu kurz. Es blieb gerade noch Zeit für Abholung der Startunterlagen, (reichhaltigem) Abendessen und wegen einer latenten Anspannung doch recht unruhige und kurze Nachtruhe.

 

Ich bin ein wenig nervös am Morgen. Ich hatte  mich vorher schon recht intensiv mit der Strecke beschäftigt (Download der KMZ - Datei für GoogleEarth auf der Alpenbrevet - Homepage, www.Alpenbrevet.ch), das war sehr sinnvoll, letztendlich jedoch alles nur Theorie. Unsere Unterkunft ist der Gasthof Tännler in Innertkirchen - Wyler, ca. 6 Km von Meiringen entfernt, dort hat es uns sehr gut gefallen, meine absolute Empfehlung! Hier hätte ich mir auch einen längeren Urlaubsaufenthalt vorstellen können, wenn da nicht das für Euroverdiener astronomisch hohe Schweizer Preisniveau wäre...

 

In der Frühe also den Renner ins Auto und auf zum Startbereich in Meiringen. Es ist ein ungewöhnlich warmer Morgen in den Bergen, die Temperaturen liegen schon in der Früh bei knapp 17 Grad auf 700 m Höhe, das Wetter spielt also 100%ig mit.

Wie ungewöhnlich diese Werte für die Höhenlagen der Alpen in diesen Tagen waren, zeigte sich eine Woche später, als die Temperaturen z. B. auf dem Grimsel nur noch um den Gefrierpunkt schwankten. Glück gehabt!

 

Ich bin in den Genuss  eines der limitierten Einzelstartplätze gekommen. Was mir vorher als Vorteil erschien, ist tatsächlich eher von Nachteil. Es macht unbedingt Sinn. die ersten 20 Km im Hauptfeld mitzurollen - das spart Kraft, die man an den ersten wirklich harten Anstiegen sehr gut gebrauchen kann.

 

Es dauert noch. Der Präsident des Schweizer Radsportverbandes hält eine Ansprache und begrüßt die Radsportler aus allen Teilen der Welt. Er stellt die 3 Streckenvarianten (Silber, Gold, Platin) vor und spricht immer wieder von den "Verrückten", die wirklich an einem Tag 5 Alpenpässe mit 276 Km und 7030 Höhenmetern bezwingen wollen. Ich werde etwas nachdenklich... Bin ich verrückt? Egal, kein Zurück mehr. Außerdem sei ungewöhnlich heißes Wetter zu erwarten, bis zu 36 Grad im Süden der Schweiz, im italienisch anmutendem Tessin.  Mir kribbelt's in den Beinen, ich möchte nur noch in die Pedale treten...

 

Es geht los. Der erste Starter, soweit ich mich erinnere, ein Norweger, geht auf die Strecke. Weiter im Minutentakt. Dann ein Deutscher. Auf die Frage, was er sich vorgenommen habe, die Antwort: "Nur irgendwie durchkommen".

 Ich verabschiede mich von meiner Tochter und meiner Frau und habe auch nur ein Ziel - da schließe ich mich dem soeben Interviewten trotz meiner gelegentlich euphorischen Ziele  nach einem guten Training in der Vorbereitung nun voll und ganz an.

 

Angekommen an der Startlinie. Mir wird alles Gute gewünscht und los geht's. Endlich auf der Strecke, alles andere wird jetzt automatisch ausgeblendet. Zunächst verhältnismäßig sanfte und recht kurze Anstiege durch die Aareschlucht. Ich habe mir vorgenommen, die ersten Kilometer locker anzugehen. Trotzdem habe ich bis Innertkirchen bereits 7-8 vor mir gestartete Rennradler überholt. Die Max. - Herzfrequenz liegt bei 160 Bpm, also alles im grünen Bereich. Die erste Passauffahrt beginnt, der Grimsel.  Es steigt zunächst moderat  an, ich bin weiter auf der Überholspur.

Je höher ich klettere, umso atemberaubender wird die Hochgebirgslandschaft. Es läuft gut und ich komme als einer der Allerersten unter motivierender Anfeuerung nach ca. 33 Km auf der Passhöhe des Grimsels in 2164 m Höhe an. Meine Trinkflaschen werden mir von den superfreundlichen Helfern/Helferinnen aus der Hand gerissen und mit dem gewünschten Inhalt (Iso-Energy/Wasser) gefüllt. Ich hatte mich vorher aus Erfahrungsberichten von Teilnehmern aus den letzten Jahren informiert und war nun fälschlicherweise in der Annahme, Verpflegungszonen würden zeitneutral behandelt.  Fehlinformation!!! Ich lasse mir also recht viel Zeit, nehme Nahrung und Flüssigkeit auf, streife meine Windjacke über und genieße für einen Moment das überwältigende Bergpanorama. Die ersten, obwohl nach mir angekommen, stürzen sich in die Abfahrt. Ich folge. Es geht rasant abwärts. 50 Km/h ... 60 Km/h ... 70 Km/h ... ich versuche durch leichtes Anbremsen, dieses Tempo nicht zu überschreiten, das habe ich mir vorher vorgenommen. Die Straße ist zum Teil sehr schlecht, geschädigt von den strengen Frösten, die in dieser Höhe im Winter herrschen.  Mein Respekt vor Highspeed - Passabfahrten ist immer noch sehr groß, trotz der zahlreichen Stilfser - Joch - Überquerungen wenige Wochen vorher in Südtirol. Ich werde immer wieder überholt. Was soll das?  Da stürzen sich Leute mit 90, vielleicht knapp 100 Sachen in die Tiefe. Respekt, trotzdem Wahnsinn!  Oder ich bin einfach zu ängstlich. Einen Sturz möchte ich mir aber auch nicht mit "nur" 70 Km/h vorstellen. Da wird mich die "Wäscheleine", die vor dem 300m tiefen Abgrund gespannt ist, wohl eher nicht aufhalten... Fort mit solchen Gedankenspielen, stattdessen besondere Konzentration vor den 180 Grad - Kehren, herunterbremsen auf knapp 20 Km/h. Mein gewohntes Problem bei langen Abfahrten setzt wieder ein - die Hände werden durch das anhaltende, teils kraftvolle Betätigen der Bremshebel schnell taub.

Ich stoppe mehrmals kurz, schüttele die Hände aus um wieder Gefühl zu erlangen. 

Es gibt, auch auf den noch folgenden Pässen, viele, meist kurze und sehr enge  Tunneldurchfahrten, die oft durch Ampelschaltung geregelt werden, sowie einige Baustellen. Ich halte an einer roten Baustellenampel, die Fahrbahn ist nur einspurig befahrbar. Ein Dutzend anderer Teilnehmer zieht trotz roten Signals ungebremst an mir vorbei. War da im Kleingedruckten der Startunterlagen nicht irgendwas mit Disqualifikation bei Verstößen gegen die Regeln?  Wenn's niemand sieht...

Nicht alle Tunneldurchfahrten sind beleuchtet, daher unbedingt LED - Leuchte mitnehmen. Ich habe diese in der Trikottasche und stecke den Scheinwerfer nur bei Bedarf an den Lenker.

 

Nach 38,5 Km wird die Strecke geteilt, wer die kürzeste Variante, die auch schon anspruchsvolle Silbertour in Angriff nehmen möchte, wird in Gletsch auf den Furkapass geleitet.

Es geht weiter leicht bergab bis Ulrichen auf 1346 m Höhe. Der zweite Pass (Nufenenpass) wird deutlich anspruchsvoller. Auf knapp 14 Kilometern sind 1130 Höhenmeter zu erklimmen, durchschnittlich hat der Abschnitt also 8 % Steigung, an manchen Stellen jedoch auch mal 12 oder 13 %.

Passhöhe erreicht, die Auffahrt hat viel Kraft gekostet. Nun geht es auf eine lange Abfahrt in den Süden, erst steil, dann fast eben. Die Landschaft und die Vegetation verändern sich, man fühlt sich nicht mehr wie in der Schweiz, sondern wie in Italien. Am Straßenrand Olivenbäume und Palmen statt Bergzedern, Fichten und Kiefern. Ein paar sehr schnelle Gruppen ziehen an mir vorbei. Ich hänge mich für ein paar Kilometer in den Windschatten einer dieser Gruppen, lasse mich aber wieder herausfallen, da es in der Gruppe sehr unruhig im Positionswechsel zugeht, ein Belgier fährt sehr sprunghaft vor mir hin und her.  Ich spüre, dass die Konzentration bereits nachgelassen hat und fahre ab jetzt nur noch mein eigenes Rennen - ohne unnötiges Risiko.

 

In Airolo wird die Strecke wieder geteilt und die Goldfahrer machen sich auf die Auffahrt zum Gotthardpass. Auch die potentiellen Platinfahrer, die hier aus dem strengen Zeitlimit fallen, müssen hier die Goldrunde einschlagen.

Für uns Platinfahrer geht es noch recht flach weiter durch das Valle Leventina bis Biasca. Damit ist nach 125 Km der südlichste Punkt der Platintour erreicht.

Am Verpflegungspunkt in Biasca fällt mir die extrem wichtige und unabdingbare Nahrungsaufnahme schwer. Wer hat bei 35 Grad im Schatten Appetit auf Schweizer Käse, heiße Kraftbrühe und trockenes Brot?  Ich dummerweise nicht. Es geht  nur noch synthetische Nahrung, Nutrixxion - Riegel spüle ich mit Cola herunter, die bringt zwar nur kurzzeitig Energie, schmeckt aber kalt bei den Temperaturen einfach erfrischend.

Um Gewicht zu sparen, habe ich nur eine gefüllte Trinkflasche, in der anderen befinden sich Telefon und Pannenhilfe. Bei einem Abstand der Verpflegungsstellen von rund 40 Km sollten jeweils 700 ml Getränk ausreichen, dazu ein halber Liter vor Ort, das passt. 

Da das Gewicht bei den Passauffahrten eine große Rolle spielt, war diese Überlegung sicherlich richtig. Die Auffahrt zum Lukmanierpass beginnt gemächlich aber zäh mit nur wenigen Steigungsprozenten. Es ist heiß, sehr heiß. Ich motiviere mich mit dem Gedanken, dass es oben in den Bergen wieder schattiger wird...falsch vermutet... An einigen Sportsfreunden ziehe ich wieder vorbei und denke mir : " Der hat mich doch gerade noch in der Abfahrt überholt... " Mit zwei Spaniern, an die ich mich gut erinnere, sollte das während des gesamten Rennens in diesem Wechsel so weitergehen.

Olé! Bergauf liegt mir also besser als bergab, daran habe ich keine Zweifel mehr.

 

Biasca liegt auf rund 300 m Höhe, also der tiefste Punkt der ganzen Tour. Bis zur Passhöhe des Lukmanier sind  daher fast 1700 Höhenmeter zu absolvieren. Es wird ab  der Ortschaft Olivone merklich steiler und in der Hitze nun fast unmenschlich brutal.  Ich gehe immer wieder in den Wiegetritt, die Geschwindigkeit wird auf dem Computer z. T. unter 10 Km/h angezeigt. Selbstmotivation ist gefragt: "Selbst Schuld, treten, du Blödmann, treten,  sonst rollst Du gleich rückwärts..." Schweiß tropft im Sekundentakt und scheint auf dem heißen Asphalt sofort zu verdampfen.

 

Der hohe Flüssigkeitsverlust macht mir Sorgen.  Es gibt wider Erwarten praktisch keinen Schatten auf dem gesamten, ultralangen Anstieg.

Zum ersten Mal habe ich somit die Trinkflasche bereits vorzeitig geleert.

Dann glücklicherweise eine Quelle am Straßenrand, an der sich bereits zwei andere Teilnehmer Abkühlung verschaffen. Ich fülle meine Trinkflasche auf und trinke sofort an Ort und Stelle. Auf einem Hinweisschild steht in italienisch irgendwas von "Wasser trinken verboten". "Na klasse", denke ich, "gleich kommt noch der Rinderwahn dazu... "

(Von solchen Problemen bleibe ich dann während des Rennens doch verschont, nach Rückkehr in die Heimat ist mein Gesicht jedoch auffällig "aufgeblüht"... )

Nach endlos erscheinendem Kampf gegen Berg und Hitze erreiche ich, wie schon einige andere, die Passhöhe. Es ist still, jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt, es fallen kaum Worte.

Eine Urlauberin fragt mich oben, was das denn für ein Rennen sei. Ich nenne Ihr die Daten und sie erwidert: "Und wie viele Tage braucht man für sowas?"

Ungläubiges Kopfschütteln bei Ihr und ein paar anderen Ausflüglern auf der Passhöhe, die auf unser Gespräch aufmerksam geworden sind.

Es geht in die Abfahrt nach Disentis, hier sieht die Schweiz wieder so aus, wie man sie sich vorstellt: Eine Bilderbuchlandschaft!

 

Auf dem Oberalppass sind "nur" rund 900 Höhenmeter zu ersteigen. Die Strapazen machen sich nun allmählich bemerkbar. Meine Fußsohlen beginnen vom andauernden kräftigen Pedaldruck und den harten Carbonschuhen zu schmerzen.

Ich passiere eine Zwischenzeitmessung. Zunächst fahre ich vorbei, da der Wind das Hinweisschild von der Straße gefegt hat. Eine sehr freundliche junge Dame bittet mich, noch einmal umzukehren und die Zeitmessung zu durchfahren, leider habe ich den Schweizer Dialekt erst im 2. Nachfragen verstanden.  Auf der Passhöhe bin ich ziemlich platt, nein, richtig platt. Riegel und Orangen stopfe ich fast apathisch in mich hinein und spüle alles mit Wasser und einem Becher Cola herunter. Erstmal  die Schuhe aus, ein wenig barfuß laufen, und  die arg geschundenen Füße massieren. Das kostet Zeit - spätestens jetzt ist mir das vollkommen egal.

Nur noch ein Pass, dann ist es geschafft. Einige Gels in die Trikottasche und weiter geht's.

 

Nach der Verpflegung in Andermatt dann die gefährlichste Passage des gesamten Rennens. Der Abschnitt bis Wassen wird nicht gewertet. Vor der Tunneleinfahrt, die jeweils nur in eine Fahrtrichtung freigegeben wird, schlängeln sich hunderte Fahrzeuge  die enge Straße hinab. Selbst für den Gegenverkehr bleibt nur sehr wenig Luft. Ich warte zunächst am Ende der Fahrzeugschlange. Nichts bewegt sich. Die ersten Radler beginnen, sich durch den Blechhaufen zu wühlen, sehr enge und äußerst gefährliche Angelegenheit, mehrmals müssen entgegenkommende Fahrzeuge bremsen um eine Kollision zu vermeiden. Dieses Überholen wurde auch auf mehreren Hinweistafeln ausdrücklich verboten. Sofortige Disqualifikation! Aber durch wen...?

Als sich jedoch auch nach 10 Minuten noch immer nichts bewegt, mache ich es genauso. Mit viel Gefühl nutze ich die knappen Lücken neben den Autos, um Meter für Meter Richtung Tunnel voran zu kommen. Es sind teilweise nur 10 cm Abstand bis zu den Fahrzeugen, ich hoffe, dass niemand seine Tür öffnet...

Ach, würde das Rennen doch auf gesperrten  Straßen stattfinden. Bei der Streckenlänge und dem Aufwand aber wohl doch unrealistisch.

Geschafft, ab durch den langen Tunnel Richtung Wassen!

 

Nur noch ca. 50 Km bis zum Ziel, der Sustenpass jedoch sollte noch richtig brutal werden. Die Auffahrt beginnt, ich tausche ein paar Worte mit einem Mitstreiter aus Österreich, der dann aber weit zurückfällt. Die schon recht tief stehende Sonne scheint mir direkt ins Gesicht. Schweißtreibend. Was für ein Anblick, durchtrainierte Sportler, die einfach nicht mehr können, die noch viel mehr leiden als ich. Ich fahre an einem Briten vorbei, der schaut mich böse an. Konnte wahrscheinlich nicht mehr anders schauen... Bei manchen geht es kaum noch voran, ein oder zwei sehe ich sogar schiebend noch zu versuchen, vorwärts zu kommen. Der Sustenpass scheint endlos, mit einer Scheitelhöhe von 2224 m noch einmal ein richtig harter Brocken zum Ende. Ich quetsche mir 3 Nutrixxion Force - Gels hintereinander ein, entspricht sicher nicht der Einnahmeempfehlung, hat mich aber gerettet.

Die Passhöhe ist nicht mehr weit, ich überhole den vor mir fahrenden, der bedenkliche Geräusche von sich gibt. Stöhnen und andere Töne. Diese "anderen" Töne motivieren mich zum Überholen...Leiden pur.

Dann die Passhöhe. Endlich!

 

Kurze  Pause, ein Riegel, ein Getränk und Abfahrt. Es ist kühler geworden, trotzdem fahre ich nur im Trikot ab, weiter unten wird die Luft rasch wieder wärmer. Wieder das gleiche Spiel, Leute, an denen ich in der Auffahrt vorbeigezogen bin, überholen mich wieder. Etliche kurze Tunnel- und Galeriedurchfahrten, Gegenlicht- und Schattenirritationen, jetzt bloß keinen Fehler mehr machen, nicht verbremsen, aufpassen! Es fahren Fahrzeuge des Veranstalters vorüber, mit denen Gescheiterte samt Rennrad aufgesammelt wurden.

Vorbei geht's an unserem Gasthof in Innertkirchen - Wyler. Ich stelle mir vor, wie ich dort gleich mein verdientes Weizenbier trinken werde! Noch einmal Anstieg durch die Aareschlucht, ich habe wieder Kraft und überquere diesen sehr zügig. Ortstafel Meiringen, das Ziel vor Augen.

 

Zieleinfahrt , ich kann es kaum glauben. Eine freundliche Helferin entfernt den Transponder vom Rad und fragt mich, wie es war. "Hart", erwidere ich, "sehr hart". Sie hatte von den Problemen mit der großen Hitze vor allem im Tessin gehört. 

 Ich sehe meine Tochter, meine Frau. Es ist geschafft, Erleichterung, ich fühle mich aber irgendwie benommen, muss erstmal wieder herunterkommen.

Meine ersten Worte: "Nie wieder!"

 

 

Mehr als eine Stunde später sitzen wir auf der Terrasse unserer Unterkunft, die direkt an der Westauffahrt zum Sustenpass gelegen ist. Ich gönne mir ein Weizenbier, Nahrungsaufnahme funktioniert erst am nächsten Tag wieder, mir fehlt jeglicher Appetit. Noch immer kommen Radler in der hereinbrechenden Dunkelheit den Pass herunter gefahren, auch Sie haben es gleich hinter sich, denke ich mir.

Ich sehe mir noch die Online - Live - Ergebnislisten an. Eigentlich hatte ich mir aufgrund meiner Leistungen im Training und eines dritten Platzes bei einem Radmarathon in der Vorbereitung hier deutlich mehr ausgerechnet. Dann mache ich mir aber klar, dass nur etwa die Hälfte der für die Platin - Tour gemeldeten Starter aus 35 Nationen überhaupt auf dieser Distanz das Ziel erreicht  hat. Bei den Finishern belege ich immerhin einen guten Mittelfeldplatz, so überwiegt dann doch die Erleichterung, es einfach nur geschafft zu haben, gesund angekommen zu sein. Und das als norddeutscher Flachländler! "Bergziegen" aus den Alpenländern haben hier sicher gewisse Vorteile.

 

Auf der Strecke habe ich mich manchmal gefragt, warum man sich so etwas überhaupt antut. Es wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen, dass es der Landschaftsgenuss ist, denn die Landschaft habe ich irgendwann nicht mehr bewusst wahrgenommen. Aber nun kenne ich die Antwort: Für das Gefühl danach, zu wissen, etwas geschafft zu haben, was noch vor Monaten als fast unmöglich erschien. Zu wissen, dass der eigene Wille zeitweise über die körperlichen und mentalen Grenzen hinaus befördern kann. Dieser Tag bleibt unvergesslich, eine Erfahrung fürs Leben!

 

Am Ende des Jahres 2015 habe ich dann immerhin knapp 11.500 Km und 140.000 Höhenmeter (entspricht 14x der Reisehöhe eines Urlaubsfliegers) in den Beinen, nach dem Alpenbrevet haben sich diese Zahlen nur noch unwesentlich erhöht.

 

 

 

 

 

 

 


Starterliste Platin:

Die Daten der Platin-Tour:

  • Streckenlänge: 276 Km
  • 5 Passüberquerungen
  • Höhendifferenz: 7030 Höhenmeter aufwärts
     

Die Endabrechnung in Zahlen:

  • 13:24 Std. Bruttozeit(inkl. Verpflegungsstopps)
  • 12:35 Std. Netto (Fahrtzeit laut Sigma ROX)
  • ca. 11 - 12 Liter Flüssigkeitsaufnahme
  • Verbrauch von 9800 Kcal(!!!) während des Rennens
  • High - Energy - Gels und Riegel habe ich nicht gezählt